“Agent 6” von Tom Rob Smith

Vor einiger Zeit gab es bei mir die Rezensionen zu “Kind 44” und “Kolyma“. Heute schließe ich mit dem dritten und letztem Band “Agent 6” die Reihe rund um den ehemaligen KGB-Agenten Leo Demidow ab. Ob mich der letzte Band und auch die Reihe insgesamt überzeugen konnte, erfahrt ihr im Folgenden:

Achtung: Da dies der dritte Band einer Reihe ist, kann diese Rezension Spoiler enthalten. 

 

Worum geht’s? 15 Jahre nach einem schief gelaufenem Auftritt des schwarzen US-Sängers und Kommunist Jesse Austin in Moskau, soll eine Schüler-Gruppe aus der Sowjetunion zu einem Friedens-Konzert in die USA fliegen. Unter den Schüler befinden sich auch Elena und Soja, die Adoptivkinder des ehemaligen KGB-Agenten Leo Demidows. Kurz vor dem großen Auftritt merkt Leos Frau Raisa, dass ihre Tochter sich merkwürdig verhält und kontaktiert ihren Mann in Russland. Als dieser sie zu warnen versucht, bricht die Verbindung ab und eine Katastrophe beginnt, die auch noch 15 Jahre später das Leben des ehemaligen Geheimagenten beeinflusst.

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Das Buch ist in drei bzw. vier größere Blöcke eingeteilt. Zu Beginn befinden wir uns in dem Jahr 1950, als Jesse Austin seine Reise nach Moskau antritt und Leo dafür verantwortlich ist, dass diese Reise ohne Probleme über Bord läuft. Danach springen wir 15 Jahre nach vorne und befinden uns mit Leos Familie in New York. Bis zum Ende dieses zweiten Teils, hat mir das Buch ganz gut gefallen, aber es hätte einen kleinen Ticken spannender sein können. Hier bekommen wir vor allem einen Einblick in das Leben seiner Tochter Elena, die sonst immer die ruhigere unter den beiden Kindern war. Nach den Ereignissen in New York, kommt ein weiterer Zeitsprung um 15 Jahre und wir befinden uns plötzlich in mit einem ausgelaugten Leo Afghanistan. Die Gründe für Leos dortigen Aufenthalt werde ich euch natürlich nicht verraten, aber ich sage euch: Dieser Teil hätte gut und gerne auch ein eigenes Buch sein können! Ich fand diesen zweiten Handlungsstrang der sich da aufgetan hat, beinahe interessanter, als die eigentliche Geschichte. In Afghanistan findet zu diesem Zeitpunkt die Invasion durch die Sowjets statt und sorgt für ordentlichen Trubel unter dem Volk. Leo, der bisher einigermaßen ruhig in dem hitzigen Land leben konnte, befindet sich plötzlich in einem Gefecht auf Leben und Tod. Es gibt neue Charaktere, die wie auch alle anderen gut ausgebaut sind und eine eigene Lebensgeschichte mit sich bringen. Von Leos eigentlichen Zielen, seinen Versprechen von vor 15 Jahren, bekommt man allerdings nur wenig mit. Doch dann werden die beiden Handlungen von T.R. Smith geschickt zusammengefügt und Leo scheint fast wieder der alte zu sein. Der aufmerksame, ehemalige KGB Agent, dem nichts entgeht und der immer einen Schritt voraus denkt. Der letzte Teil hätte ebenfalls ein bisschen besser ausgebaut sein können, denn durch diese größere Pause in der Ermittlungs-Handlung wirkte das Ende mir ein bisschen zu abrupt. Zwar war mir relativ schnell klar, welche Person Leo jagd, dennoch hätte ein bisschen mehr Ermittlung und Spannung nicht geschadet. Die letzten Seiten waren meiner Meinung nach gut geschrieben und erneut hat Smith es geschafft, mir die Tränen in die Augen zu treiben. Insgesamt würde ich den dritten Teil auf das Niveau von “Kolyma” setzten, in dem ebenfalls die Spannung und die Brutalität im Vergleich zum ersten Band etwas nachgelassen hat. Leos persönliche Entwicklung hat für mich stets Sinn ergeben und für mich ist er bisher einer der besten Charaktere die mir in Büchern begegnet sind. Schade, dass es keine weiteren Bücher zu ihm gibt, wobei das in Anbetracht seines Alters am Ende des Buches durchaus nachzuvollziehen ist.

“Die offizielle Version muss wie eine Lüge klingen, selbst wenn sie die Wahrheit ist, und je lauter man die Wahrheit sagt, desto eher suchen die Leute sie woanders.”

S. 511

Fazit Der letzte Band rund um Leo Demidow nimmt uns diesmal mit in die USA, aber auch nach Afghanistan, wo sich inmitten der sowjetischen Invasion ein interessanter und spannender Handlungsstrang auftut. In meinen Augen hätte dieses Buch an einigen Stellen etwas länger sein und mehr Spannung vertragen können. Insgesamt ist es dennoch ein gutes Buch, das mich am Ende noch emotional berührt hat.


“Agent 6” | Tom Rob Smith | Goldmann | 539 Seiten

 

 


Ein paar Worte zur gesamten Reihe: Dass “Kind 44” ein absoluter Top-Thriller war, ist eine weit verbreitete Meinung, und ich kann dieses Buch auch wirklich nur weiter empfehlen! Auf Instagram und auch in dem Kommentaren auf dem Blog, sickerte immer wieder durch, dass viele Leute nach oder sogar mitten in “Kolyma” mit der Reihe aufgehört habe. Und ja, die Spannung aus Band 1, die vor allem durch diese gewisse Brutalität in der Handlung erzeugt wurde, ist nicht mit der in Band 2 und 3 zu vergleichen. Ich hatte damals in der Rezension zu “Kolyma” noch erwähnt, dass hier meiner Meinung nach der Titel des Buches einfach schlecht gewählt wurde, da er einen ganz andere Fokus auf die Handlung vorgibt. Dadurch wirkt die zweite Hälfte des Buches unpassend und gezogen. Und auch in “Agent 6” konnte die Spannung nicht das hohe Niveau aus dem ersten Band erreichen. Dennoch finde ich, dass die Reihe insgesamt gelungen ist. Wir begleiten einen (ehemaligen) KGB Agenten auf seinem Lebensweg. Erleben seine wichtigsten Lebensstationen und gleichzeitig bekommen wir einen interessanten Einblick in die damalige Sowjetunion. Ich denke, Teil 2 und 3 wirken nur in Relation zum ersten Teil so schwach. Aber wer sich darüber im klaren ist und seine hohen Erwartungen etwas runterschraubt, hat sicherlich gefallen an der Reihe.

Interessante Einblicke zu den Hintergründen zu “Agent 6” aber auch zu den anderen Bänden könnt ihr HIER finden. 

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