Der Duft sterbender Bücher [Gedankenfragment #5]

Viele Menschen lieben ihn: Den Duft alter Bücher, der einem sofort in die Nase strömt, wenn man ein Antiquariat besucht. Es riecht ein bisschen altbacken und modrig. Aber dennoch unverwechselbar nach altem Buch.

“Der Duft sterbender Bücher”,

“Der Duft sterbender Bücher”, so nennt der Wissenschaftler Matija Strlič den Geruch, den alte Bücher verströmen. Und obwohl dieser Duft tatsächlich den Verfall der Cellulosefasern – und damit den des Buches-  verrät, mögen wir ihn. Alte Bücher bringen eine gewisse Faszination mit sich, zumindest geht es mir so. Welche Menschen haben darin schon geblättert? Wie viele Gespräche, Streitereien und Liebeserklärungen hat ein Buch schon miterlebt, das vor 100 Jahren gedruckt worden ist? Wie viele Menschen haben in der Nationalbibliothek schon ein und dieselben Schriften bestaunt? Eine Geschichte zu lesen, die zwar schon vor langer, langer Zeit geschrieben wurde, aber dennoch in einem neuen Buch abgedruckt ist, erzeugt bei mir nicht so ein tolles Gefühl, wie derselbe Text in einem alten, weichen Einband, vielleicht sogar aus Leder.

Meine ersten Klassiker in alten Einbänden.

Wenn ich die Möglichkeit habe, gehe ich gerne in ein Antiquariat, stöbere dort nach Klassikern mit besonderem Flair. Verzierte Einbände, vergilbte Seiten. Fern von ISBN und Preisangaben. Manchmal liegt noch ein Zeitungsausschnitt, eine Postkarte oder ein kleines Bild mit im Buch. Oder eine kleine Notiz, die mir verrät, wann dieses Buch von einem anderen Menschen in Besitz genommen wurde. Wie es ihm gefallen hat. Manchmal findet man auch ein Stück Geschichte in einem Buch.

Heute wurde die Berliner Mauer gebaut.

Mein Vater hat mir vor einem Jahr ein paar seiner Bücher gegeben. Diese alten Bücher aus dem Eduard-Kaiser Verlag mit den schönen Verzierungen. Und ich schlage Tolstojs “Die Kosaken” auf, blättere es durch und dann steht da dieser Satz, bei dem ich Gänsehaut bekommen habe: “Heute wurde die Berliner Mauer gebaut. 13. August ’62” Und dann ein ganzer Text von meinem Vater, mit seiner Meinung dazu. Er redet von der DDR, Chruschtschow und von Schachspielen. Vor über 50 Jahren hat mein Vater dieses Buch gelesen, hat darin ein Stück Geschichte festgehalten und nun steht es in meinem Regal. Das ist für mich interessanter, als jede Geschichtsstunde.

"Heute wurde die Berliner Mauer gebaut"

Aber solche tollen Entdeckungen sind natürlich eher Ausnahmen. Meistens finden sich eher kleine Notizen, ein Name, eine kleine Bewertung. Am häufigsten treffe ich natürlich auf Kritzeleien, Anmerkungen und Unterstreichungen in den kleinen Reclam-Heften. Schullektüre. Viele Leute stören sich daran, wenn sie ein gebrauchtes Buch mit Notizen finden, aber ich finde sie toll. Zu Wissen, dass jemand anderes vor mir auch in diesem Buch gelesen und sich dazu Gedanken gemacht hat, fasziniert mich eben. Wer von euch noch nie in einem Antiquariat war oder auf dem Flohmarkt nach Büchern gestöbert hat, sollte das unbedingt nachholen und keine Scheu vor Notizen und dem Geruch sterbender Bücher haben!


Die Gedankenfragmente sind eine Beitragsreihe, in der ich meine unvollständigen Gedanken zu einem Thema, also nur Gedankenfragmente, zu einem Beitrag zusammenwürfle.

Weitere Gedankenfragmente:

#1 Theater, Drama und Tragödie!
#2 Für wen schreibst du eigentlich?
#3 Das kennt doch jeder! Immerhin ist es ein Klassiker…
#4 Voller Fragen an die Stimme im Kopf

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2 Comments

  1. Katja

    Hi Pia 🙂
    ich finde deinen Beitrag sehr schön. Ich liebe es, kleine Notizen und Kritzeleien in gebrauchten Büchern zu finden. Ich habe eine Harry Potter Ausgabe, in der steht wann und wo das Buch gelesen wurde und wie sich die Leserin dabei gefühlt hat. Auch alte Widmungen finde ich wunderschön.
    Liebe Grüße,
    Katja

    1. Pia

      Hallo Katja,
      Freut mich, dass dir der Beitrag gefällt 🙂 Vor kurzen hatte ich aus dem Bücherschrank auch ein Buch, das auf Reise gegangen ist & verschiedene Orte genannt waren. Liebe Grüße, Pia

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